Phonographie

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Denn Androschs Werke sind von reiner, grandioser Schönheit. Und starrt man sie lange genug an, dann hört und liest man neu.
Egbert Tholl in der „Süddeutschen Zeitung“ zur Ausstellung „Phonographien“ im Historischen Museum Regensburg 2016

Katalog Peter Androsch Phonographie Historisches Museum Regensburg 2016 [19.8 MB]

Phonographien
 – wie Peter Androsch seine Klang-Schreibungen nennt – entstehen durch Schichtung von Noten- respektive Partiturmanuskripten oder Manuskript-Teilen zu mehr oder weniger dichten Schriftlandschaften. Ursprünglich – seit der Jahrtausendwende – dienten die eigenen Partituren als Basis der Bildproduktion. Doch seit einiger Zeit entstehen die Klangbilder auch nach Handschriften anderer Komponisten und Künstler. So entstehen Lithographien, Serigraphien (Siebdrucke) und fallweise Digitaldrucke in verschiedenen Formaten und Variationen auch nach Bruckner, Mozart, Schönberg, Wagner und anderen Tonkünstlern.

Zunehmend entwickelt Androsch auch Schriftcollagen nach anderen historischen Handschriften, – aus dem Bewusstsein heraus, daß jede Schrift als „Klang“-Schrift betrachtet werden kann. Zentrum des Interesses ist die Handschrift als eine der persönlichsten Äußerungen des Menschen. Und das Persönliche führt in die Welt des Klangs, denn „personare“ heißt auf Latein „durchklingen“.

 Deshalb tritt in den letzten Jahren auch wieder die „schwarze“ Schriftlichkeit in den Vordergrund.

Seit kurzem entstehen die „Linzer Schriften“ als offene Reihe von Schriftarbeiten. Sie zeichnen eine „andere“ Geschichte seiner Heimatstadt. Eine sehr persönliche Geschichte nämlich. Eine, die von jenen Menschen geschrieben wurde, die etwas Besonders, etwas Widerständisches, Aufrechtes, Unverwechselbares auszeichnet. Heute stellen ihre Handschriften ein Vermächtnis dar, um an eine humane Gesellschaft zu glauben, in der Kunst eine wirkmächtige Position einnimmt. Von recht unterschiedlichen Menschen stammen die Handschriften, die als Ausgangsbasis dienen: Herbert Bayer, Vilma Eckl, Valie Export, Franz Jägerstätter, Eugenie Kain, Hedda Wagner, Anton Maximilian Pachinger u.a.

In Grafik-Mappen sind regelrechte Schriften-Ensembles gestaltet. Sie umreißen thematische Felder, die sich in Titeln widerspiegeln wie „Linzer Schriften 1. Sammlung“, „Meistersinger Worte“, „Tristan Komplex“, „Null und Nichtig – Anton Bruckner“ oder „Mozart Requiem“.

Peter Androschs phonographisches Werk wird seit vielen Jahren von Hans Mitterbauer unterstützt.

Handschriftliche Notenblätter sind – nicht nur als Geldanlage – kostbar; mit Recht: sie dokumentieren die Individualität des Künstlers und seiner Arbeitsprozesse, und die Methode, sie übereinander zu schichten, lässt sie wie Röntgenbilder erscheinen, in denen der Arzt vielleicht dann doch die spezielle Physis diagnostizieren kann. Und sie fordern zum Dialog und bei Androsch wohl auch zur Selbstdiagnose heraus. Erst in der Konfrontation der Unterschiede (Arnold Schönberg, Richard Wagner, Peter Androsch) fangen sie zu sprechen an. Dabei schärfen die Phonographien aber auch, wenn sie Musik, also das Unvorstellbare vorstellbar machen (wie Peter Androsch in seiner “Topographie der Utopie: Erste Theorie” meint) die zeitliche, ja physische Dimension von Musik. Der Dirigent Daniel Barenboim erklärte einmal im Interview, als Dirigent höre er zwar Klänge, aber er habe keinen physischen Kontakt zur Musik. Er höre nur den Klang, er stehe abseits. Deshalb müsse er immer wieder auch musizieren, Klavier-Spielen. “Beim Klavierspielen bin ich in jeder Sekunde konfrontiert mit dem Widerstand. Das ist wie die Gravität, die die Objekte nach unten zieht. Die Stille zieht den Klang nach unten, jeder Klang will sterben. Musik ist die Konfrontation mit dem Tod bei jedem einzelnen Ton.” (Interview Barenboim Mailand 4.5.2007 D-Radio)
Dr. Bernhard Doppler ist Literaturwissenschaftler (Universität Paderborn) und Kulturjournalist (Deutschlandradio Kultur, Berliner Zeitung u.a.).

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